EIN GANZ NORMALER TAG IN SIBIRIEN

Jakob Steigerwald als Praktikant in einem heilpädagogischen Dorf

Veröffentlicht 2004 in News Network Anthroposophy Limited (NNA - sh. Links "Befreundete Webseiten")

 

Was passiert, wenn ein Klassenlehrer auf der schwäbischen Alb im Unterricht einer Klasse eine Email von der Waldorfschule in Irkutsk vorliest? Einen Schüler packt das Fernweh, weil er schon immer gerne Russisch lernen wollte. Er verlässt seinen Heimatort in der Nähe von Heidenheim und arbeitet in der Heilpädagogik in Sibirien. Jakob Steigerwald berichtet für NNA über seine Erlebnisse im Dorfprojekt Talisman Istok.

 

Irkutsk (NNA).  Um kurz vor acht werde ich von den ersten Sonnenstrahlen geweckt. Ein strahlender Tag beginnt, es ist Anfang Februar. Ich befinde mich in einem kleinen Dorf, mitten in der sibirischen Taiga. In meinem Zimmer ist es eisig kalt, nur die ersten Sonnenstrahlen brennen auf meiner Haut. Ich schlüpfe schnell in meine Kleider, ziehe noch eine Garnitur Kleider obendrauf, denn draußen wird es kalt sein, sehr kalt. Noch schnell klemme ich meine Kamera unter den Arm und renne hinaus, der Sonne entgegen. Auf der Türschwelle bleibe ich kurz stehen und nehme einen tiefen Zug der klirrenden, klaren Luft. Das Thermometer zeigt 33 Grad unter Null, etwas ganz normales für diese Jahreszeit. Mit meinen dicken Filzstiefeln stapfe ich durch den tiefen, knirschenden Schnee. Das Dorf schläft noch, nur die Hunde folgen mir neugierig. Die glutrote Sonne taucht den Schnee in ein glitzerndes Rot, im Schatten hingegen erscheint er noch tiefblau.

 

Als ich von meinem morgendlichen Spaziergang zurückkomme, klingelt gerade die Glocke zum Frühstück. Hier, in dem Dorf Talisman Istok wohnen zwölf geistig Behinderte und ca. acht Betreuer. Das Dorf wurde im Jahr 2000 von Müttern behinderter Kinder aus Irkutsk gegründet. Ich bin zusammen mit Tim, einem Zivildienstleistenden aus Deutschland, der einzige Ausländer. Seit fast zwei Wochen bin ich nun schon hier, und habe noch fünf Monate vor mir. Inzwischen kann ich schon ein paar Brocken russisch, was ich hier dringend benötige. Eigentlich dachte ich, dass ich als Praktikant herkomme. Wegen der schwierigen Personalsituation bin ich aber eher ein vollwertiger Mitarbeiter.

 

Zum Frühstück gibt es Kascha (Brei) mit Brot. Das Essen ist einfach, aber sättigt gut. Nach dem Frühstück kommt die allmorgendliche Dorfbesprechung. Es wird besprochen, was getan werden muss, und das ist immer eine Menge. Normalerweise hat alles einen geregelten Rhythmus. Jeder hat seinen festen Bereich für den er zuständig ist. Ich habe zusammen mit Tim die Verantwortung über die Holzwerkstatt sowie die zwei Kühe und die zwölf Hühner. Aber in Russland kommt es immer anders als man denkt, Probleme gehören zur Tagesordnung: Die Wasserpumpe ist eingefroren, es gibt kein Brennholz mehr und Manja, eine unserer Kühe, lässt sich nicht melken. Außerdem springt das Auto nicht an, aber das ist nun wirklich etwas Alltägliches.

 

Wenn die Aufgaben alle verteilt sind, geht es an die Arbeit, aber schon tauchen die nächsten Probleme auf. Für die Motorsäge gibt es kein Benzin mehr, es lässt sich im ganzen Dorf kein Seil auftreiben um Manja festzubinden, und wie um alles in der Welt taut man bei minus 30 Grad eine Pumpe auf?

 

In solchen Situationen, in denen ein Westeuropäer schon lange verzweifelt, ist die russische Improvisationskunst an der Reihe. Benzin wird mit dem Mund und einem Gartenschlauch aus dem Auto gesaugt, Manja kann man auch mal mit einem Verlängerungskabel festbinden und an die Pumpe wird einfach ein Starkstromschweißgerät angeschlossen, und die Rohre somit zum Glühen gebracht. Unter dem Auto wird einfach ein Feuer gemacht. Das ist nicht die ungefährlichste, aber sicher die einfachste, und unter diesen Vorraussetzungen wohl auch die einzige Lösung. Irgendwie hilft man sich immer in Russland. Probleme werden dann bekämpft, wenn sie auftreten, und nicht vorbeugend, wie wir es in Westuropa gewöhnt sind. Dabei sollte man aber auch nie die extremen Vorraussetzungen vergessen, das riesige Land, die Winter mit bis zu 60 Grad unter dem Gefrierpunkt und die Sommer, in denen 40 Grad im Schatten keine Seltenheit sind. Man ist gezwungen mit der Natur zu leben, und das ist eine Sache, die man in Westeuropa nur schwer finden wird.

 

Nachdem alles erledigt ist freue ich mich auf die Arbeit in der Holzwerkstatt. Noch schnell füttere ich die Schweine und hacke die Eisdecke in ihrem Wassertrog auf. Die zwei Betreuten Slava und Natja sind schon eifrig dabei, den Kuhstall auszumisten.

 

Bevor ich in die Werkstatt gehe, lege ich noch einmal kräftig Holz nach. Der Ofenraum befindet sich bei sibirischen Holzhäusern normalerweise außerhalb und ist aus Stein, aus Brandschutzgründen. Ansonsten besteht die Werkstatt komplett aus Holz. Es werden einfach entrindete Baumstämme aufeinander gebaut und an den Ecken miteinander verzahnt. Fenster und Türen werden später herausgesägt.

 

In der Werkstatt erwartet mich ein ohrenbetäubender Lärm. Genadij jagt ein Brett nach dem anderen durch die Hobelmaschine und versucht, diesen Lärm noch durch sein Radio zu übertönen, aus dem die ganze Zeit nur „Radio Majak“, Moskaus staatlicher Radiosender, dröhnt. Meine drei Betreuten, Kostja, Aljoscha und Artjom warteten schon auf mich.

 

Genadij wurde vor ein paar Monaten hier auf Probe eingestellt. Er kommt aus einem nahe gelegenen Dorf und ist ungefähr Mitte 50. An handwerklichen Fähigkeiten hat er alles, was man hier im Dorf braucht. Möbel bauen, Traktor reparieren, Häuser renovieren, Kabel verlegen, und, und, und. All das sind seine Spezialgebiete. Er hält sich beim Arbeiten nicht unbedingt an Vorschriften, aber er macht alles so schnell und praktisch wie nur möglich, auf Kosten der Qualität. Dennoch gab es oft Schwierigkeiten mit ihm. Er war weder bereit mit Betreuten zusammenzuarbeiten noch irgendetwas zu lernen. Er arbeitete nicht für das Dorf sondern für sich.

 

Dies ist nur eines von vielen Beispielen über die schwierige Mitarbeitersituation im Dorf. Auf dem Land findet man kaum Mitarbeiter die therapeutisch arbeiten können und in der Stadt findet man kaum Mitarbeiter die einen Kuhstall betreten würden.

 

Nachdem Genadij weder bereit ist, die Hobelmaschine abzustellen, noch das Radio leiser zu drehen, gebe ich mich geschlagen und beschließe, mit meinen Betreuten nach draußen zu gehen und Feuerholz zu machen. Das macht ihnen Spaß und mir auch, und Feuerholz kann man im Winter eh nicht genug haben.

 

Nach einer Stunde sägen, spalten und stapeln läutete es schon zum Mittagessen. Es gibt  Suppe mit Mayonnaise und Brot. Wie immer bei Tisch gibt es viel zu lachen. Die Betreuten können der eintönigen Suppe jeden Tag doch immer noch etwas Besonderes abgewinnen: „Wie lustig es doch sein kann, wenn ein Batzen Mayonnaise in die Suppe plumpst“. Ganz anders geht es da mir. Jeden Tag dieselbe Suppe, in der alles drin ist, und die nach nichts schmeckt. Im Sommer würde sich das dann ändern. Sobald es warm genug ist, kann im Gewächshaus Salat und Gemüse angebaut werden, aber das dauert noch eine Weile.

 

Den letzten Frost kann es in Sibirien im Juni geben, und den ersten bereits wieder im September. Innerhalb dieser kurzen Zeitspanne aber fängt ganz Sibirien an zu blühen, das Gras schießt meterhoch aus dem Boden und die Wälder werden saftig grün. Dann fangen aber auch die riesigen Waldbrände an, an manchen Tagen sieht man die Sonne kaum vor Qualm, es kann eine Woche lang ununterbrochen durchregnen und alles versinkt im Dreck. Dann kommen die riesigen Mückenschwärme, sie haben in Sibirien quasi „sturmfreie Bude“, und benehmen sie sich auch so. Der Winter ist doch die schönere Jahreszeit hier. Beeindruckend sind sie aber alle, Frühling, Sommer, Herbst wie Winter. So extrem sie auch sind, jede Woche ist ein Erlebnis für sich. Hier verändert sich die Natur in einer Woche mehr, als bei uns über das ganze Jahr.

 

Jetzt ist erst einmal Mittagspause, eine gute Gelegenheit ungestört zu arbeiten – denke ich, aber wieder kommt es anders als man denkt. Ich begebe mich also in die Werkstatt und mache mich daran ein paar Schablonen für die Arbeit mit den Betreuten vorzubereiten. Wir produzieren in der Holzwerkstatt Holzspielzeug und Küchenhelfer, die dann auf dem Waldorf-Basar in Irkutsk verkauft werden. Ja, so etwas gibt es sogar in Irkutsk. Irkutsk ist eine Stadt von etwa 600.000 Einwohnern, liegt etwa 8000 km von Mitteleuropa, 6000 km von Moskau und 50 km vom Baikalsee entfernt. Von unserem Dorf sind es ca. 50 km bis nach Irkutsk, dennoch muss man für den Weg ein bis zwei Stunden rechnen. Im Winter wenn der Weg zugeweht ist, oder im Frühling wenn der Weg in einem Meer von Schmelzwasser versinkt, ist das Dorf gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten.

 

Auf einmal fängt die ganze Werkstatt an zu zittern. „Mist, die Heizung kocht schon wieder“. Etwas genervt durch die Störung ziehe ich mich warm an und schleppe Eimer um Eimer Schnee über die wackelige Leiter auf den Dachboden und kippe ihn in den Heizungsüberlauf, da bahnt sich auch schon das nächste unerwartete Ereignis an. Ein Geländewagen pflügt sich die Dorfstrasse herauf. „Komisch, das Tor ist doch zu, wie sind die rein gekommen? Na ja, Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht“. Es handelt sich um ein älteres Modell russischer Bauart. Vermutlich sind es Leute aus Turskaja, die arbeit suchen. Turskaja ist das nächstgelegene Dorf, es liegt nur sieben Kilometer entfernt. Trotzdem haben wir kaum Kontakt dorthin. In Turskaja sieht es schlimm aus. Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, behinderte Kinder und Kriminalität, ein Leben ohne Perspektive. Es ist schade, vor der Wende arbeitete jeder hier in der nahe gelegenen  Kolchose, die ist inzwischen aber pleite.

 

Aus dem Auto steigen ein paar junge Männer in verschmutzten Tarnanzügen. Sie möchten das Metallolom haben. Metallolom bedeutet soviel wie Schrott, von dem hier im Dorf und im angrenzenden Wald genügend herumliegt. Schrott kann man hier für ca. 600 Rubel die Tonne auf dem Schwarzmarkt verscherbeln. Im Gegenzug wollten sie im Dorf ein bisschen aufräumen. Tatjana Kokina, Mitbegründerin und Leiterin des Dorfes, sagt etwas gekränkt, hier gäbe es nichts aufzuräumen. Wir sollen sie verjagen, sagt sie dann noch.

 

Um halb vier gibt es normalerweise Tee. Da kann man wieder etwas gute Laune tanken. Die Leute hier nehmen einfach alles mit Humor. Ob es stimmt, dass es in Deutschland mehr Feiertage als Arbeitstage gibt, fragt mich Anatolij, ein Mitarbeiter. Das muss ich ihm leider verneinen. Nach dem Tee schlendere ich mit meinen drei Betreuten in die Werkstatt. Der Himmel ist strahlend blau, der Schnee glitzert und die Sonne brennt herunter. Es ist ein wunderschöner Tag. Wir haben die Werkstatt für uns allein. Endlich kann ich mit Kostja zusammen mit dem Stemmeisen arbeiten. Artjom kann derweil Räder für die Spielautos sägen, und Aljoscha gebe ich die Aufgabe, die schon fertigen Produkte mit Olivenöl einzureiben. An diesem Nachmittag sollte uns nichts mehr stören. Mir wird schon fast etwas unheimlich, weil einfach nichts Unvorhergesehenes passiert. Ich meine, nicht einmal einen Stromausfall gab es.

 

Es ist schon Stockdunkel, als wir gegen sieben Uhr gemeinsam zum Abendessen gehen. Es gibt Nudeln mit Ketchup, und die Stimmung ist so ausgelassen wie noch nie. Alle erzählen sich, was sie heute so den ganzen Tag gemacht hatten, als hätten sie sich eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Oft fällt dabei auf, dass die wenigsten das gemacht hatten, was eigentlich auf der Morgenbesprechung besprochen wurde, aber das stört niemanden. Nach dem Abendessen heißt es für die Betreuten: Ab vor den Fernseher. Schade aber wahr. Für Tim und mich heißt es: Ab in die Werkstatt. Wir müssen dringend die Arbeit für morgen vorbereiten.

 

Als das schließlich erledigt ist, setzen wir uns noch mit einer Tasse Tee in die Werkstatt und versuchen den heutigen Tag etwas zu verarbeiten. Wie soll man so einen Tag beurteilen? Er war chaotisch, aber chaotisch sind sie alle. Wir haben das Gefühl: ein Tag, an dem nichts vorwärts ging, wie wenn wir ewig auf der Stelle treten.

 

Erschöpft sinke ich auf mein Bett. Das Leben hier ist anstrengend, entbehrungsreich, spannend und wunderschön, eine Kombination, die sehr viele Kräfte raubt. Nach fünf Monaten leben und arbeiten in dem Dorf Talisman Istok bei Irkutsk muss ich allerdings sagen: das Dorf ist mir richtig ans Herz gewachsen. Die gastfreundlichen humorvollen Menschen, die wunderschöne Natur mit ihrer ewigen Weite, Das harte Klima, aber auch die vielen Probleme machen Russland zu einem einzigartigen Land.

 

Im Januar 2005 werde ich wieder meine sieben Sachen packen und nach Irkutsk fahren. Zusammen mit Tim habe ich ein neues Projekt. Wir wollen im Dorf eine Produktion traditionell sibirischer Birkenrindendöschen aufbauen. Diese sollen dann mit sibirischem Sagaan Dayla Tee abgefüllt werden und nach Deutschland verkauft werden. Dies ist eine Möglichkeit, dem Dorf ein regelmäßiges Einkommen zu garantieren, denn neben dem Problem der Mitarbeitersuche ist die finanzielle Lage das größte Problem. Das Geld, mit dem das Dorf lebt, kommt hauptsächlich von Spenden aus dem Westen.

 

Veröffentlicht 2004 - News Network Anthroposophy Limited (NNA)

 

Zu den Webseiten der heilpädagogisch-sozialtherapeutischen Arbeit am Baikalsee

 

 

ZURÜCK